Die Zukunft der Smartwatch Apps mit Android Wear 2.0

Wer eine Android basierte Smartwatch besitzt weiß, dass es bis vor kurzem nur eine Möglichkeit gab, Apps auf dieser zu installieren: Eine App am Android Smartphone installieren und warten bis das Handgelenk vibriert! Damit soll bald Schluss sein.

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Neben Usability Verbesserungen und teils massiven User Interface Umbauten bringt das Update auf Android Wear 2.0 eine fundamentale Änderung für Watch App Entwickler.
Bis jetzt konnte eine Android Wear App ausschließlich über eine dazugehörige Smartphone-Begleit-App auf die Uhr gebracht werden. Funktioniert hat das Ganze, indem die Wear App in die Smartphone App verpackt wurde.

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Nach Installation der App am Smartphone wurde die Wear App irgendwann mal sofort automatisch auf der Uhr installiert. Ob diese Installation stattfand oder nicht, konnte man sich nicht aussuchen. Wie Ian Lake in einem Thread in der Android Wear Developers Community schreibt,  zeigten Benutzer laut Studien wenig Begeisterung für dieses Feature, was meiner Meinung nach verständlich ist. Auf dem ohnehin schon sehr kleinen Display der Smartwatch muss man so durch eine Liste von Apps scrollen, in der ein Bruchteil regelmäßig/überhaupt benutzt wird.

Dieses System war bis jetzt aber teilweise nötig, um eine Android Wear App überhaupt voll funktionsfähig zu halten. Netzwerkkommunikation konnte zwar unter ganz bestimmten Bedingungen auf der Uhr stattfinden, um das ganze zuverlässig umzusetzen war eine begleitende Smartphone App jedoch unbedingt notwendig.

Standalone!

Wenn Wear Apps nicht mehr automatisch über eine Smartphone App auf die Uhr kommen, wie dann? Na, manuell! Auf dem Smartphone passiert das seit jeher über den Play Store. Seit Android Wear 2.0 Developer Preview Version 3 ist der Play Store auch auf der Uhr verfügbar und die erste und einzige Anlaufstelle, um an Apps zu kommen. Somit sind Smartwatch Apps völlig unabhängig von jeglichen Smartphone-Begleit-Apps installierbar, also „standalone“-fähig.

Eine App in der App ist nicht mehr nötig, um eine Android Wear 2.0 App in den Play Store zu bekommen. Der bereits existierende Multiple-APK-Support, mit dem Entwickler verschiedene App-Installationsdateien für verschiedene Geräte gleichzeitig zur Verfügung stellen können, wird auch in diesem Fall verwendet.
Um die App wirklich unabhängig vom Smartphone zu machen, muss die Uhr gewisse Features nun selbst unterstützen. Das Update auf Android Wear 2.0 bringt diese Unterstützung natürlich mit.

Netzwerkkommunikation

Eine sehr wichtige und willkommene Änderung macht die Netzwerkkommunikation direkt auf der Uhr möglich: Uhren mit WLAN können nun auch bei aktiver Bluetooth Verbindung zum Smartphone auf das Internet zugreifen (bis jetzt nicht möglich). Und sollte die Uhr keine aktive WLAN Verbindung haben, wird per Bluetooth einfach das mobile Internet/WLAN des Smartphones verwendet. Keine Zeile Extra-Code notwendig!
Frameworks, die bei Smartphone Apps für die Netzwerkkommunikation verwendet wurden, können einfach für die Wear App wiederverwendet werden. Eine dazwischenliegende Android App am Smartphone ist für die Weiterleitung der Anfragen nicht mehr nötig. Das heißt (Achtung, Trommelwirbel): die Uhr kann ebenso mit einem iPhone verbunden sein!

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Push Notifications

Ein weiteres Feature, dessen Name in der App-Welt sehr oft fällt, sind Push-Notifications. Damit werden Benachrichtigungen von einem Server direkt an die Geräte der Benutzer geschickt. Googles quasi-Standard dafür wurde früher „Google Cloud Messaging (GCM)“ genannt und heißt mittlerweile „Firebase Cloud Messaging (FCM)“.
Die Weiterleitung von Benachrichtigungen vom Smartphone zur Uhr gibt es ja bereits.
Die Standalone-Fähigkeit von Android Wear 2.0 Apps macht es jedoch möglich, Benachrichtigungen über FCM direkt an die Uhr zu schicken. Das Smartphone muss man dafür nicht mal in der Hosentasche haben.

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Standalone?

Das Ganze öffnet jetzt die Möglichkeit, komplett eigenständige Android Wear Apps zu entwickeln. Aber warum sollte man das überhaupt machen? Der erste und wahrscheinlich offensichtlichste Grund aus Benutzersicht: Apps auf der Uhr werden damit auch benutzbar/nützlich, wenn ich mein Smartphone nicht dabei habe.
Ein weiterer Grund: Die Wear App wird damit unabhängig vom Betriebssystem am Smartphone!

Die Entwicklersicht klingt für dich wahrscheinlich etwas langweiliger: Gibt es bereits eine Smartphone App, ist der Schritt zur Wear App viel kleiner als zuvor. Bereits vorhandene Komponenten (Netzwerkkommunikation, Datenverwaltung, etc.) können ohne große Änderungen auf die Uhr übernommen werden. Ein bisschen Benutzeroberfläche dazu und fertig. Kann ja eigentlich fast nichts kosten oder?

Also weg mit der Smartphone-Begleit-App? Nicht immer. Die Frage lässt sich nicht generell beantworten und hängt von der Art der App ab. Eine einfache Watchface App mit wenigen Einstellungsmöglichkeiten braucht möglicherweise keine Begleit-App während komplexere Apps ohne eine Begleit-App in der Praxis unbenutzbar sind.

Nachdem beide jedoch völlig unabhängig installierbar sind, werden Entwickler jedenfalls vor die Herausforderung gestellt, die Benutzer auf die eventuelle Notwendigkeit bzw. Existenz der App auf der jeweils anderen Plattform hinzuweisen.

Aber Funktionslose Smartphone Apps, die nur existieren, um die Wear App auszuliefern bzw. Wear Apps, die ohne Begleit-App keine Funktionalität bieten, werden es in Zukunft eher schwer haben, lange auf den jeweiligen Geräten der Benutzer zu verweilen.