Der 3-Stunden Design Sprint

Wenn du in der IT, der Produktentwicklung oder im Marketing arbeitest und die letzten Jahre nicht hinterm Mond gelebt hast, hast du sicher schon mal von „Design Thinking“ und von seiner praktischen Anwendung dem „Design Sprint“ gehört. Wir haben vor einiger Zeit die gekürzte Version davon, den 3-Stunden Design Sprint, ausprobiert und ich möchte hier unsere Erkenntnisse mit dir teilen. Falls du doch hinterm Mond gelebt hast, dann zuerst einmal sorry und wow, wie war’s? Zweitens, keine Angst, ich werde die Grundlagen im weiteren Verlauf erklären.

Design Sprints wurden ursprünglich von der kalifornischen Design-Firma IDEO und der Stanford Universität entwickelt. Später wurden sie durch das Team von Google Ventures überarbeitet und bekannt gemacht. Die grundlegende Idee dahinter ist, eine repräsentative Fokusgruppe von Leuten mit verschiedenen Blickwinkeln bzw. aus verschiedenen Abteilungen zu versammeln, um ein ausgedehntes Brainstorming und Bewertungsmeeting zu machen. Das Ziel dieses Meetings ist die Entwicklung eines Marken-Konzepts, eines Produkts, eines Prototyps oder ähnlichem. Abhängig davon was du entwickeln willst oder dir davon erwartest, kann ein Design Sprint mehrere Wochen in Anspruch nehmen. So viel Zeit braucht es aber nicht unbedingt. Es gibt verschiedene weiterentwickelte Varianten, die in nur fünf Tagen oder sogar drei Stunden ähnliche Ergebnisse erzielen.

Wir haben kürzlich beschlossen, Googles Marken-Design-Sprint einem Test zu unterziehen, in einem Zeitrahmen von 3 Stunden und mit 5 Teilnehmern. Wir bestanden aus 2 Entwicklern, einer Marketing Person (Hinweis: das war ich), einem Kollegen aus dem Vertrieb und einem unabhängigen Moderator. Unser Ziel war die Erstellung eines Marketing- und Vertriebkonzeptes für ein Produkt. Es war nicht direkt eine Markenentwicklung, da wir davor schon über das Produkt gesprochen hatten – ein Logo und ein Rohdesign der Marke standen schon – und wir hatten alle eine ungefähre Vorstellung davon, was das Produkt einmal können sollte (warum das ein Fluch und ein Segen zugleich war, dazu später).

Der Plan

Das Produkt, für das wir eine Vertriebs- und Marketingstrategie erstellen und entwickeln wollten, war der „Job-Botler“. Das ist ein speziell für Firmen entwickelter Chatbot. Wie der Name vielleicht schon verrät, leitet er Jobsuchende durch den Bewerbungsprozess und filtert Top-Bewerber anhand der definierten Schlüssel-Kriterien vor.

Bevor wir tatsächlich loslegten, starteten wir damit, alle auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Also mit dem Moderator, der uns die Zielsetzung für die kommenden drei Stunden bekanntgab. Diese Ziele werden in der Regel vom Produkteigentümer vorgegeben, in diesem Fall einer unserer CEOs, welcher während des Sprints nicht anwesend ist. Grund dafür ist, dass die Teilnehmer meistens dazu neigen, sich zurück zu halten, wenn der Produkteigentümer selbst am Sprint teilnimmt. Daher wird generell empfohlen, solche Verantwortlichen nur ganz zu Beginn und erst am Ende bei Präsentation des Erreichten hinzuzuziehen.

Der Prozess

Nach der Einführung beantworteten wir die erste halbe Stunde vordefinierte Fragen, indem wir Post-Its mit Stichworten zu verschiedenen Themen befüllten. Das waren beispielsweise Dinge, die wir mit dem Produkt oder der Marke in Verbindung bringen, Dinge die andere (Kunden und Benutzer) damit assoziieren sollen, die aus unserer Sicht größten technologischen Herausforderungen, mögliche Kunden und Benutzer und Ziele, die das Produkt in fünf bis zehn Jahren erreichen sollte. Diese Post-Its wurden dann sortiert und zu den zugehörigen Fragen geklebt. Wir gruppierten die passenden Antworten und gingen dann schnell (weil 3 Stunden sind wirklich wenig Zeit) zum nächsten Punkt über.

design sprint output

Dieser erste Schritt hat uns bereits geholfen, diverse Richtungen oder Fokuspunkte abzuschätzen. In der zweiten halben Stunde haben wir diesen Fokus noch weiter begrenzt, und einige Diskussionspunkte für den Sprint ausgewählt. Jeder von uns bekam 5 Punkte, die wir auf die wichtigsten Themen verteilen konnten, auf jene, die unserer Ansicht nach die dringendste Aufmerksamkeit benötigten. Was am höchsten bewertet wurde, wurde weiter diskutiert. Punkte ohne Bewertungen wurden für spätere Sprints und Meetings aufgehoben. Das war die erste Stunde, zwei lagen noch vor uns.

Die zweite Stunde

Der Plan für die zweite Stunde war der simpelste, dafür war diese Stunde aber die anstrengendste. Es war Diskussionszeit. Wir sprachen über die Themen, welche die meisten Bewertungen bekamen (oder eigentlich über alles, was überhaupt eine Bewertung bekam, da die Gesamtanzahl der zu vergebenden Punkte ja relativ gering war). Das Ziel der Diskussion war, unsere Ideen zu konkretisieren (Wie können wir die technischen Herausforderungen meistern? Wie erreichen wir die bestmögliche Usability? Wie können wir das Produkt vermarkten und verkaufen? Wer wird es potentiell kaufen und verwenden?) und dann Maßnahmen zu treffen, um diese Ziele zu erreichen. Es war eine lebhafte Diskussion, auch bedingt dadurch, dass jeder schon mit Ideen zum Produkt zum Meeting kam und (vermeintlich) wusste, in welche Richtung es gehen wird. Es war nicht immer ganz einfach, aber wir haben es am Ende geschafft, einen Konsens zu erreichen. Aber wir waren dann alle ziemlich erschöpft. Zum Glück hatten wir dann eine kleine Pause, um unsere Energielevel wieder aufzufüllen, bevor es in die letzte Stunde ging.

Die dritte Stunde

Die dritte Stunde begannen wir damit, die beschlossenen Maßnahmen in konkrete To-Dos umzuwandeln. Eine der Aufgaben war es, einen einfachen Prototypen zu basteln, um diesen potentiellen Kunden zu zeigen. Natürlich waren hier die Entwickler gefragt. Wir haben ebenfalls entschieden, unser Produkt einem Usability-Test zu unterziehen, bevor wir größere Entwicklungen angingen. Damit wollten wir sicherstellen, dass wir nicht unsere ganze Kraft auf eine völlig falsche Entwicklungsrichtung konzentrieren und am Ende wieder von vorne beginnen müssen. Um das alles umzusetzen, bedarf es natürlich auch einiger Vorbereitung. Und genau diese Vorbereitung stand für die restliche Zeit am Programm.

Wir hatten uns, wie gesagt, entschieden, den Fokus auf die Usability für potentielle Endkunden zu legen. Der Grund war, dass Bewerbungsprozesse in vielen verschiedenen Firmen sehr ähnlich ablaufen und dieses Kunden daher dieselben Funktionen benötigen. Natürlich wird diese Funktionalität später noch sehr wichtig werden. Für den Moment definierten wir allerdings eine gewisse Grundfunktionalität, welche in Zukunft noch erweitert werden kann. Anschließend besprachen wir unterschiedliche Use Cases und sich daraus ergebende Benutzerszenarien (z.B. jemand sucht einen speziellen Job bei einer speziellen Firma, jemand sucht einfach nach verfügbaren Jobs, jemand sucht ein Praktikum oder Bewerbungen von Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und akademischen Graden). Die genauen Personas aus den so beschriebenen Szenarien herauszuarbeiten war eines der To-Dos für später. Diese Rollen, in Kombination mit beispielhaften Chats, die ebenfalls später erstellt wurden, sollten die Basis für unseren Usability-Test sein und den Entwicklern außerdem beim Erstellen des Prototyps helfen.

Das Ergebnis

Nach den 3 Stunden verließen wir den Raum mit gemischten Gefühlen. Die Ideen, die wir gesammelt hatten, waren gut und wir waren uns ziemlich sicher, in die richtige Richtung zu gehen. Aber wir fühlten uns physisch und emotional ausgelaugt – alles fühlte sich ein bisschen überhastet an. Was allerdings nicht heißen muss, dass das Ergebnis nur auf die Schnelle zusammengestoppelt war. Ich bin mir sicher, wir hätten einen ähnlichen Plan gehabt, wenn wir uns mehr Zeit genommen hätten. Aber es war nicht wirklich eine zufriedenstellende Erfahrung.

Also, 3-Stunden Design Sprint: Ja oder Nein?

Definitiv Ja! Sei dir aber auf jeden Fall der Ziele bewusst, die du in diesen 3 Stunden erreichen willst und sei nicht zu ehrgeizig. Wir dir vielleicht aufgefallen ist, war unser (sehr anspruchsvolles) Ziel, eine Vertriebs- und Marketingstrategie zu erstellen – das haben wir nicht geschafft. Aber wir haben einen Weg definiert, wie wir weitermachen können. Wir haben viele nötige weitere Schritte geklärt und es hat nur 3 Stunden gedauert (oder 15, wenn man die tatsächlichen Mannstunden zusammenrechnet). Wenn wir den 3-Stunden Sprint nicht gemacht hätten, hätten wir vermutlich insgesamt dieselbe Zeit aufgewendet, aber es hätte sich über Wochen gezogen. Wir sind als Firma sehr stark im Projektgeschäft tätig und machen eigentlich keine Produktentwicklungen. Daher gab uns dieser Design Sprint die Möglichkeit, unsere Entscheidungen zielführender zu treffen und die nächsten Schritte schneller zu machen als sonst.

Aber Moment, es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Es gibt auch negative Aspekte. Wie schon gesagt, hatte jeder eine grobe Idee vom Produkt und seiner weiteren Entwicklung. Allerdings unterschieden sich diese Ideen teilweise und das hat die Diskussionen doch teilweise erschwert. Jeder hatte das Gefühl, seine Ideen seien nicht komplett umgesetzt worden und was entstand war eher ein Kompromiss, etwas mit dem jeder ein bisschen zufrieden ist. Obwohl das im Grunde nichts Schlechtes ist, unterscheidet es sich nicht sehr von dem was sonst bei Meetings und Diskussionen herauskommt. Unser Design-Sprint hat keine brillanten Ideen hervorgebracht – und ich denke auch, dass das in so einer kurzen Zeit auch sehr selten passieren wird. Aber wenn man ein nicht zu hoch gestecktes Ziel mit eher konservativem Hintergrund hat, wie z.B. ein Grundkonzept für eine Marke zu finden oder die nächsten Schritte in der Produktentwicklung zu planen, kann man auf diese Art mit minimalem Aufwand schnell viel erreichen. Ich würde den 3-Stunden-Sprint nicht für große Entscheidungen empfehlen die potentiell einen großen Einfluss auf zukünftige Entscheidungen haben, da man (aufgrund des Zeitmangels und der beschränkten Teilnehmerzahl) auch schnell in eine falsche Richtung preschen kann.

Alles in allem, ist der 3-Stunden Design-Sprint ein Konzept, das nicht für jede Gruppe und jeden Zweck geeignet ist. Es braucht eine aufgeschlossene Gruppe an Personen, die sich bewusst ist, dass zwar jedes Thema angesprochen, aber nicht alles bis ins Detail geplant werden muss. Ansonsten kommt man in drei Stunden nämlich nicht sehr weit. Komplexere Probleme und sehr diverse Gruppen würden von einem längeren Sprint vermutlich eher profitieren, da er mehr Möglichkeiten bietet, Dinge genau zu planen bzw. unter die Lupe zu nehmen.

Das Konzept des Design-Sprints ist auf jeden Fall ein guter und effizienter Weg, um eine Idee zu finden bzw. eine Marke, eine Strategie oder einen Prototyp aufzubauen. Man kann sogar ein ganzes Produkt darin entwickeln. Wenn du in naher Zukunft etwas in diese Richtung planst, kann ich dir nur empfehlen, das Konzept auszuprobieren. Wenn du dich weiter mit diesem Thema beschäftigen willst, findest du unten einige weiterführende Links.

Weiterführende Links


Buch: Sprint von Jake Knapp (Google Ventures)

Design Sprint Kit – nützliche Ressourcen (Google)

Blog: Design sprint: a checklist for facilitators in big companies von Martina Moreira (uxdesign.cc)

Video: How Design Sprints are Flexing for Success von Kai Haley (Google Developers)

Video Playlist: Sprint von Google Ventures

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