Quo vides, Augmented Reality?

Alle Lateiner unter euch mögen mir dieses Wortspiel verzeihen – vermutlich ist es nicht mal korrekt … aber ich konnte die Finger nicht davon lassen, und finde es äußerst passend für diesen Blog 🙂

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Vorhersagen sind ja generell schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen (frei nach: Karl Valentin, Mark Twain, Winston Churchill, etc. – so genau weiß man es nicht). Dennoch will ich in diesem Beitrag einen Blick auf zukünftige Möglichkeiten werfen, die sich mit Augmented Reality (AR) für die breite Masse ergeben werden. Dazu habe ich mich in den letzten Tagen mit einem der führenden Universitätsforscher auf dem Gebiet mobile Augmented Reality, Dr. Tobias Langlotz, unterhalten. Dr. Langlotz ist Senior Lecturer an der Universität von Otago in Neuseeland, eine der weltweiten Topadressen auf diesem Gebiet. Er gab mir einen Einblick in eine Reihe von Themen die aktuell beforscht werden, und über zwei davon darf ich hier auch berichten.

AR im Sport – „Live is Life“ (na, na, nana, naaaa)

Die meisten von uns kennen die Anwendung von AR bei Sportübertragungen im Fernsehen. Eventuell wird dies nicht einmal als AR wahrgenommen, aber die Markierung der bisherigen Höchstweite beim Schispringen, die Linie die den Weltrekord bei Schwimmwettbewerben anzeigt und (meist) vor den Schwimmern herschwimmt, oder auch die Abseitslinie beim Fußball und die 1st Down-Markierung beim American Football – all dies ist AR.

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Und diese Zusatzinformationen sind wirklich äußerst praktisch für die Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Sie erleichtern die Orientierung und bieten die Möglichkeit entscheidende Situationen schneller und besser zu beurteilen. Leider stehen diese Informationen den Menschen die sich live im Station befinden natürlich nicht zur Verfügung.

Aber das wird sich ändern: Durch die erhebliche Steigerung der Rechenleistung auf mobilen Geräten und der gesteigerten Geschwindigkeit der Internetverbindungen, werden Informationen dieser Art auch für die Zuschauer vor Ort verfügbar sein. Gekoppelt mit den aktuellen Standortinformationen des Benutzers und entsprechenden Algorithmen wird z.B. die Abseitslinie schon bald in Echtzeit auch auf den Geräten der Stadionbesucher zu sehen sein. Oder auch individuelle Informationen über die Lauf-, Pass- und sonstige Leistungen eines Spielers. Nun ist das Mobiltelefon natürlich nicht unbedingt das Anzeigegerät erster Wahl für solche Informationen, da es durchaus nicht gerade gemütlich ist über 90 Minuten ein Fußballspiel mit Blick durch das Handy zu verfolgen. Allerdings wird aktuell ausgesprochen viel Geld und Energie in die Entwicklung von leistungsfähigen AR-Brillen investiert. Und aus diesem Grund wird sich hier in den nächsten Jahren auch auf dem Hardwaresektor einiges tun, um hier eine Steigerung des Komforts zu erreichen.

AR für Patienten in der Medizin – „I can see your true colors“

Eine der weitverbreitetsten Formen der Farbenblindheit, vor allem unter Männern, ist die Rot-Grün-Schwäche. (Ca. 8% der Männer und 0,5% der Frauen sind von unterschiedlichen Ausprägungen der Farbblindheit betroffen.) Menschen mit dieser Sehschwäche sind nicht generell farbenblind, aber sie können verschiedene Farben des Spektrums nicht unterscheiden.

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Je nach Ausprägung werden von den Betroffenen alle Farben die sich auf einer der Linien befinden als die selbe Farbe wahrgenommen.

Hier kann Abhilfe geschaffen werden, in dem Farben die von den Betroffenen gleich wahrgenommen werden durch jeweils andere ersetzt werden, bei denen eine Unterscheidung möglich ist. Hier gilt es natürlich einige Rahmenbedingen zu beachten, um nicht neue Probleme zu erzeugen:

– die Erkennung der Farben, die Berechnung und Anzeige der Alternativfarbe muss in Echtzeit geschehen
– die Überlagerung der Alternativfarbe muss pixelgenau funktionieren, da es ansonsten zu einer Verschlechterung des Kontrastes durch eine ‚Schattenbildung’ kommt. (Ähnlich dem Effekt den alte Rot-Grün 3D-Bilder haben, wenn man sie ohne entsprechende Brille betrachtet)
– die Auswahl der Alternativfarbe muss so erfolgen, dass diese nicht in der aktuell betrachteten Umgebung vorkommt, da hier sonst künstlich erneut eine Farbenblindheit erzeugt werden würde.
Aber all dies sind Punkte, die sich durch gute Algorithmen und mit entsprechender Hardware lösen lassen.

Ähnliche Systeme sind auch für Personen mit Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) oder Wortblindheit (Dyslexie) möglich. Im ersten Fall können bekannte Gesichter z.B. durch geometrische Formen ersetzt bzw. überlagert werden. Somit bietet man den Betroffenen eine Unterstützung bei der Unterscheidung von Personen zusätzlich zu Stimme, Frisur und Kleidung. Ebenso besteht für die Dyslexie die Möglichkeit, Schriften im Gesichtsfeld des Nutzers durch eine ‚besser interpretierbare’ Schrift zu ersetzen. Die unter Designern ansonsten nicht sehr gerne genutzte Schrift ‚Comic Sans‘ hat sich gerade aufgrund ihrer eigentlich recht unklaren Struktur auf diesem Gebiet als besonders vielversprechend herausgestellt.

Die Aktuell verfügbaren AR-Brillen sind für einen ganztägigen Einsatz auf breiter Basis für diese Fälle sicherlich noch nicht geeignet. Aber für die Forschung und zur Entwicklung von Algorithmen eignen sie sich auf jeden Fall schon. Und auch hier arbeitet die Zeit eindeutig für die Betroffenen. Da sowohl die Hersteller von AR-Brillen als auch die Chiphersteller laufend bessere, tragbarere und auch schönere Modelle auf den Markt bringen.

Und wenn ich schon mit einem Zitat begonnen habe, so will ich auch mit einem enden:
„Die beste Art, die Zukunft vorauszusagen, ist, die Zukunft zu erfinden“ (hier ist der Quellennachweis einfacher: Alan Kay, Informatiker 🙂 ) In diesem Sinne: Herzlichen Dank Dr. Langlotz für die spannenden Einblicke und mögen wir uns eine gute Zukunft erfinden.